Blog, Praktikum
Kommentare 1

Brettspielkompetenzen

Jens muss auf Toilette, Viktoria braucht ihre Medikamente, Oliver möchte gerne Mensch-ärger-dich-nicht-spielen, Eric hat einen Wutanfall, Maik wartet ungeduldig auf einen Arbeitsauftrag, Gisela möchte gerne ihre Schlager-CD statt EinsLive hören und Mario hat es schon wieder geschafft, den automatischen Schließmechanismus der Tür auszuschalten und ist gerade dabei sich aus dem Staub zu machen. Ich atme tief ein.

Es ist 8.30 Uhr an einem Montagmorgen und das alles ist der irgendwie unbegreifliche und doch ganz normale Alltag in einer Behindertenwerkstatt der Diakonie Bethel in Bielefeld. Hier arbeiten in einer der vier Gruppen tagtäglich rund 30 schwerstbehinderte Menschen. Und hier werde ich nun also mein vierwöchiges Diakoniepraktikum absolvieren – Zweifel und das dumpfe Gefühl von Überforderung breiten sich in mir aus. Während ich noch mit offenem Mund da stehe und weder ein noch aus weiß, schaffen es die Mitarbeiter, innerhalb weniger Minuten immer wieder, die Situation zu meistern – bis wieder etwas Neues passiert und ihre Hilfe erneut gebraucht wird.

Nennen wir es Bammel, den ich hatte, schon bevor dieses Praktikum begann. Ich hatte schließlich noch nie mit schwerstbehinderten Menschen zu tun gehabt und mir im Vorhinein tausende von Fragen gestellt: Wie kommuniziere ich mit jemandem, der nicht sprechen kann? Woher weiß ich, was sie wollen, ohne über sie zu bestimmen? Und vor allem: Kann ich irgendetwas falsch oder schlimmer noch: kaputt machen?

Zum Glück lösen sich diese Sorgen vor Ort alle schnell in Luft auf, als ich merke, dass hier ein ganz anderer Umgang miteinander herrscht – einfach offener und direkter. Wer nur einige Laute oder einfache Sätze von sich geben kann, kann auch nicht um den heißen Brei herumreden. Stattdessen beruht vieles auf Gesichtsausdrücken, Gesten und einer guten Portion Intuition.

Da ist Anna, die mich jeden Morgen herzlich umarmt, um mich direkt danach – und das bis zum Schluss meiner Zeit in Bethel jeden Tag aufs neue – nach meinem Namen zu fragen. Da ist Susanne, die mich in jeder Mittagspause nach draußen führt, um dort mit ihr zu schaukeln zu gehen. Und auch Annika hat mich sofort in ihr Herz geschlossen – schließlich darf nicht jeder ihre graue Stofftiermaus bewundern und streicheln. Diese Freude und Dankbarkeit, die sie mir entgegenbringen, ist so einfach und gleichzeitig so absolut echt. Wie gut das tut.

Meine Tage abseits von theologischen Bibliotheken und wissenschaftlichen Hausarbeiten folgten in Bethel dem gleichbleibenden Ablauf der Bewohner: Manche sortieren Schrauben und Plastikwinkel in Plastiktütchen, die später einmal in Küchen verbaut werden, andere schneiden Briefmarken aus und wieder anderen ist selbst das nicht möglich – sie malen Bilder oder können nur liegen. Doch selbst sie liegen zwischen den anderen, bekommen auf diese Art den Trubel und das bunte Leben mit und sind auf diese Art und Weise mittendrin. In den Pausen wird gemeinsam gegessen und Kaffee getrunken, aber auch Nägel lackiert und mit unglaublicher Ausdauer Mensch-ärger-dich-nicht-Partien gespielt. Neben vielem anderen, wurde also stets auch meine Brettspielkompetenz gefordert und gefördert.

Für ein verpflichtendes Diakoniepraktikum ist im Theologiestudium leider kein Platz mehr vorgesehen. Während meiner Wochen in Bethel, habe ich aber gemerkt, wie wichtig es aber ist auch mal über den Tellerrand Gemeinde hinaus zu schauen und aus dem universitären Seminarraum heraus zu kommen. Ich merke jetzt, was dieses Praktikum mit mir gemacht hat: Dass ich mit offeneren Augen durch die Welt laufe, dass ich alte Unsicherheiten und Berührungsängste abgebaut habe. Das fühlt sich gut an und ist wichtig für mich auf meinem Weg dahin, einmal Pfarrerin zu werden.

Tipp

Viele Universitäten rechnen ein solches Diakoniepraktikum inzwischen trotzdem an, z.B. als Leistung im Wahlbereich.
Judith Manderla

Jahrgang 1991. Aufgewachsen im kleinen Fleck der EKiR mitten in Hessen sowie im schönen Rheinland in der Nähe von Köln. Abitur 2011 am Erftgymnasium Bergheim, danach Studium der Evangelischen Theologie in Bonn, Wien und seit 2015 in Göttingen. Begeistert von (Kirchen-)Musik insbesondere in Form von Chören mit oder ohne Blechbläsern (aber lieber mit!). 2015 freiwilliges Diakoniepraktikum in einer Behindertenwerkstatt der Diakonie Bethel. Ab Herbst 2016 Examensvorbereitung.

Kategorie: Blog, Praktikum

von

Judith Manderla

Jahrgang 1991. Aufgewachsen im kleinen Fleck der EKiR mitten in Hessen sowie im schönen Rheinland in der Nähe von Köln. Abitur 2011 am Erftgymnasium Bergheim, danach Studium der Evangelischen Theologie in Bonn, Wien und seit 2015 in Göttingen. Begeistert von (Kirchen-)Musik insbesondere in Form von Chören mit oder ohne Blechbläsern (aber lieber mit!). 2015 freiwilliges Diakoniepraktikum in einer Behindertenwerkstatt der Diakonie Bethel. Ab Herbst 2016 Examensvorbereitung.

1 Kommentare

  1. Pingback: praktikum-mal-anders-das-diakoniepraktikum-ekbo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.