Blog, Studium
Kommentare 1

Jerusalem-Begegnung

Nur wenige Augenblicke vor jener wundersamen Begegnung waren meine Gedanken noch tief in mein Buch vertieft. Auch das bunte, frühsommerliche Treiben in dem Jerusalemer Park um mich herum hatte ich ausgeblendet. Eine fremde Stimme brachte mich zurück. „Bible?“, fragte sie. Ich blickte auf.

Vor mir stand ein offensichtlich jüdisch-orthodoxer Mann. Ich erkannte ihn an seinem typischen Aussehen: weißes, langärmliges Hemd und schwarzer Hose, das Gesicht hinter einem Vollbart versteckt und auf dem Kopf eine Kippa. “Is that… Bible?” wiederholt er und deutet auf das Buch in meiner Hand. Ich merkte, wie er sich mit seinem holprigen Englisch abmühte und antworte also auf Hebräisch: „Nein, keine Bibel“, sagte ich und zeigte ihm das Buch des israelischen Schriftstellers Amos Oz, das ich auf meinen Beinen liegen hatte.  Jetzt war er vollkommen überrascht, fragte fast eilig ob er sich zu mir setzen dürfe, und wollte dann auch gleich wissen, warum ich denn Hebräisch könne?

Ich erklärte ihm, was ich während meiner Zeit in Israel schon unzähligen Neugierigen erzählt hatte. Von meinem Jahr an der Universität in Jerusalem. Dass ich dort sogar Hebräisch gelernt hatte. Und wie spannend das alles war. Was ich denn studiere und warum ausgerechnet Israel?, wollte er wissen. Da stand ich wieder vor der Herausforderung zu erklären, was ich hier eigentlich mache. Als Theologin kann ich in Israel nämlich nicht einfach Theologie studieren. Ich erzählte ihm von dem Studienprogramm des Vereins Studium in Israel e.V., zu dem neben dem Hebräisch-Sprachkurs auch ein Talmud-Kurs gehört. Viel weiter kam ich gar nicht, denn der Mann mir gegenüber war mit seinen Gedanken schon weiter und wollte nun wissen ob ich dann etwa jüdisch und vermutlich auch religiös sei? Mein „Nein“ als Antwort irritierte ihn. Nicht jüdisch, aber Talmud lernen? Das passt doch nicht zusammen! Also versuche ich nochmal zu erklären, dass ich hier bin, um das Judentum besser kennen zu lernen, mich mit Fragen des christlich-jüdischen Dialogs zu beschäftigen, aber auch um die Vielfalt des modernen Israels zu erleben und eine Vorstellung davon zu bekommen, wie dieses Land vielleicht ausgesehen haben mag, als der Mann, den ich Christus nenne, durch Galiläa zog und das Leben der Menschen veränderte.

Der Mann nickte bedächtig, sah mich von der Seite an und stellte dann eine weitere Frage: “Willst du mich jetzt bekehren?” Wieder überrascht ihn mein „Nein“, aber die Erklärung, dass ich hier bin um zu lernen, nicht um zu lehren, schien ihn zu beruhigen. Wir unterhielten uns noch ein bisschen, über den Talmud, was ich in der Uni gelernt habe und was ich später machen will, wenn ich mein Studium beendet habe.

Schließlich sagte er: „Das, was du da machst finde ich gut. Es ist wichtig zu lernen.“ Dann stand er auf, um sich auf den Weg zum Abendgebet an die Klagemauer zu machen. Im letzten Moment drehte er sich noch einmal um: “Willst du nicht mitkommen? Ich meine zur Mauer und dort mit mir beten?” Leider musste ich sein Angebot ausschlagen.

Was bleibt ist unser Gespräch. Eine dieser Begegnungen, wie ich sie viele in Israel gehabt habe. Auf der einen Seite ganz anonym – ich kenne nicht einmal den Namen des Mannes – auf der anderen Seite so unglaublich persönlich und offen, manchmal überraschend und meistens in Erinnerung bleibend. Bevor ich mich wieder meinem Buch zuwandte, dachte ich noch, wie recht er hat und dass ich dankbar bin, für dieses Jahr, das ich in Israel verbringen durfte. Hier habe ich mehr gelernt, als ich es mir vorher hätte träumen lassen.

Kategorie: Blog, Studium

von

Anja Block

geboren und aufgewachsen in Wermelskirchen. Nach dem Abitur ging es für mich 2011 raus aus der Kleinstadt zum Theologiestudium nach Bonn mit dem Ziel „Kirchliches Examen“. Dort habe ich acht Semester studiert, bis für mich feststand, dass es mit dem Programm von Studium in Israel e.V. nach Jerusalem gehen soll. Von August 2015 bis Juli 2016 habe ich an der Hebräischen Universität studiert und setze nun mein Hauptstudium in Bonn fort.

1 Kommentare

  1. Dagobert Saggel sagt

    Liebe Anja,
    du hast bestimmt auch schon mal mit einem Araber gesprochen.
    Schreib doch davon auch etwas, bitte.
    Herzlichen Gruß ! Dagobert

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

+ 8 = 9