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Talar auf der Teststrecke

In meinen Talar habe ich von innen eine Sonne sticken lassen. Jedes Mal, wenn ich ihn anziehe – und ich trage ihn jetzt regelmäßig – halte ich einen Moment inne, schmunzel etwas und weiß: egal, wo ich bin, und egal, was ich mache, eine Handvoll Sonne habe ich immer mit dabei. Sie stärkt mich. Denn die Sonne erinnert mich an meinen Konfispruch, in dem vom Licht der Welt die Rede ist. Und mit meinem neuen Talar habe ich die Sonne jederzeit im Rücken.

Das erste Mal ganz offiziell trage ich meinen Talar bei einem Taufgottesdienst im Kirchgarten. Eine Premiere für die Gemeinde und eine Premiere für mich. Es fühlt sich gut an. Auf einmal bin ich wer! Irgendwie bedeutsam. Und alle erkennen mich: Die Vikarin. Endlich habe ich nicht nur eine Aufgabe, sondern eine Funktion. Ich bin hier aus einem bestimmten Grund: Den Leuten von der Sonne in meinem Rücken zu erzählen. Ganz stolz und aufgeregt gehe ich durch die Reihen und verteile Lichtpunkte und Salzkörner an die Gottesdienstbesucher. Ich bin ich.

Bei einer Andacht zum Thema Lebensende halte ich meine erste Ansprache – das erste Mal im Talar und in der Kirche. Es ist Sommer und es ist unendlich heiß. Einige Tage vorher hatte mir meine Mentorin noch gesagt, dass es ein Notbeffchen in der Sakristei gäbe. Ich komme an der Kirche an und stelle voller Schrecken fest, dass ich wirklich, ernsthaft, mein Beffchen bei meinem ersten in-der-Kirche-Einsatz vergessen habe! Meine Mentorin und ich werden kreativ und basteln – denn ich habe ein Einknöpfbeffchen und einen Stehkragen, das Notbeffchen ist aber eins zum Umbinden. Wir kleben mit Kreppband das Beffchen an meinen Talar und verstecken die Schnüre. Und es hält! Und ich weiß: Ich darf mich nicht bewegen, sonst fällt alles ab. Bei der Ansprache bleibe ich also stock und steif stehen. Und ich schwitze. Zusammen mit den Kerzen ist es in der Kirche gefühlte 40 Grad. Ich kann die einzelnen Tropfen auf der Haut spüren. Ich denke an die Talaranprobe: Hatte ich nicht extra den teuren Stoff gekauft? „Mit eingebauter Klimaanlage!“, hatte man mir dieses Modell angepriesen. Von dieser Klimaanlage merke ich im Moment nichts. Aber das Beffchen – es hält.

Mit dem Talar kommen auch ganz allgemein neue Fragen auf: Welche Kleidungsstücke sind eigentlich talartauglich? Kann man beim Segen in die Ärmel reingucken? Wie viel sieht man von meinen Beinen? Und wie geht schönes Raffen des Talars für die Altarstufen? Sieht man im Herbst meinen pinken Pulli? Darf ich überhaupt einen Pulli tragen beim Gottesdienst oder ist das unangemessen? Er ist ja schön. Und wo finde ich schöne schwarze Schuhe, die bitte flach sind?

Auch sonst komme ich neuerdings immer wieder mit Freunden ins Gespräch darüber, ob wir jetzt schick werden müssen und wenn ja, wie viel. Denn allzu sehr verändern wollen wir uns nicht, sondern wir selbst bleiben. Und so lange das, was man sagt und was man macht, gut ist, die Menschen anspricht, reicht ja eigentlich auch ein guter Pulli. Und der Mensch sieht ja nur das, was vor Augen ist…

Bei meiner ersten Taufe taucht ein weiteres bisher unbekanntes Problem auf: Die langen Talarärmel sind mir im Weg. Sie ragen bis ins Taufwasser hinein und ich frage mich, ob das Predigerseminar auch etwas in Sachen „liturgisch Ärmel hochkrempeln“ bereithält.

Pünktlich als es draußen kälter wird, findet meine erste Beerdigung statt. Es ist nicht nur kalt, sondern auch dunkel und traurig, richtiges Beerdigungswetter. Gut, dass ich immer die Sonne dabei habe. Allerdings kenne ich auch meine Frostbeulenaffinität und ziehe unter den Umständen, dass die Trauerfeier ohne Kirche oder Halle stattfindet, unter dem Talar so viel an, dass ich zwar nicht friere, aber mich leider auch kaum bewegen kann: Thermokleidung, Skihose, gefütterte Stiefel und drei Pullis übereinander. Jetzt weiß ich auch endlich, warum Talare so groß gemacht werden – denn sie werden zwar maßgeschneidert, aber man passt doppelt drunter! Einzig meine Hände sind eiskalt, sodass ich Schwierigkeiten habe, die Seiten meiner Mappe umzublättern, und beim Erdwurf pappt die nasse Erde an der Schaufel und geht kaum ab. Aber der Talar, der angeblich nicht nur eine Klimaanlage, sondern auch noch eine Heizung beinhaltet, macht seinen Job gut!

Und ich habe den Eindruck, ich mache das auch. So fürs erste Mal. Und die Sonne im Rücken hält ja warm.

Kategorie: Berufsalltag, Blog, Vikariat

von

Marina Brilmayer

Jahrgang 1988, geboren und aufgewachsen in Bonn, nach dem Abitur Freiwilliges Soziales Jahr u.a. in einer Kinderkurklinik, Studium der Evangelischen Theologie in Leipzig, Wuppertal, Göttingen und Mainz. Fan von Kirchentag, Transparenz, Struktur und Nachdenken. Seit April 2016 Vikarin in Koblenz-Pfaffendorf, d.h. interkonfessioneller Religionsunterricht an einer Berufsschule, Krankenhausseelsorge und taufen, beerdigen, trauen - halt der ganz normale Alltag einer Vikarin.

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