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O Bethlehem, du kleine Stadt?!

Bethlehem ist dort, wo es Weinachten wurde. Auch in dem Jahr meines Auslandsjahres in Israel, als der Heilige Abend auf einen Donnerstag fiel und damit in Israel ein ganz normaler Arbeitstag war – für mich also ein Tag, an dem die Kurse in der Uni stattfanden, wie an jedem anderen Donnerstag auch. Also begann der Heilige Abend mit vier Stunden Hebräisch-Unterricht. Meine Mitbewohnerin, die ebenfalls eine Theologiestudentin aus Deutschland war, und ich wollten danach  die Feiertage mit einem gemeinsamen Essen in Jerusalem beginnen, bevor wir zum Gottesdienst der deutschen Gemeinde gingen und dann an ihrer traditionellen Wanderung ins nur etwa zehn Kilometer entfernte Bethelem teilnehmen. Als wir uns zum Einkauf aufmachten, herrschte auf den Straßen Jerusalems rege, aber alltägliche Geschäftigkeit; keine Spur von ‚Last Christmas‘-Beschallung in den Geschäften, blinkender Weihnachtsbeleuchtung oder Sonderangeboten zum Geschenkekauf. Wenn überhaupt gab es in den arabischen Vierteln hier und da ein Haus, dessen Bewohner sich mit Hilfe sehr exzessiver Weihnachtsbeleuchtung als Teil der christlichen Minderheit zu erkennen gaben.

Die Christmette in der deutschen Erlöserkirche brachte endlich das Gefühl von Heilig Abend, wie ich es von zu Hause kenne. Das Gedränge der Menschen, Kerzenschein, die vertrauen Lieder und eine gespannte Erwartung in der Luft. Nach dem Gottesdienst – mittlerweile war es kurz nach Mitternacht – brach ein langer Zug von Menschen auf in Richtung Bethlehem raus aus der schlafenden Stadt. Immer wieder hielten wir an, sangen Weihnachtslieder, beteten. Dann ein Anblick, der so gar nicht zu weihnachtlichen Frieden passen will: Vor uns erhoben sich die 8 Meter Beton der Mauer, die Israel von den palästinensischen Gebieten trennt, auf der palästinensischen Seite besprüht mit Graffiti, zum Teil finden sich dort richtige Kunstwerke. Tag für Tag schleusen hier die israelischen Soldaten jeden Menschen einzeln durch ein Drehkreuz. Heute nicht. Heute am Heiligen Abend öffnen die Soldaten den Menschen auf dem Weg nach Betlehem eine breite Tür.

Die Straßen im kleinen Bethlehem waren mit Sternen geschmückt. Überall schauten blinkende Engel und die heilige Familie als Leuchtfiguren von den Wänden herab. Händler hatten mitten in der Nacht ihre Läden geöffnet, um handgeschnitzte Krippen aus Olivenholz und andere Souvenirs an die Touristen aus aller Welt zu verkaufen. Sogar der Coca-Cola-Weihnachtsmann hatte hier auf einem Transparent quer über die Straße Platz gefunden und wünschte „Merry Christmas“. Auf dem „Manger Square“ vor der Geburtskirche war eine lebensgroße Krippe aufgebaut – als wir ankamen posierte davor gerade eine asiatische Familie für ein Foto – gleich neben dem riesigen, künstlichen, Weihnachtsbaum, geschmückt in den palästinensischen Nationalfarben. Die Moschee gegenüber der Kirche war ebenfalls blinkend grün angestrahlt. Gruppen von Touristen aus aller Herren Länder versuchten sich im Inneren der Kirche zu versammeln. Sie sangen und redeten durcheinander, dazwischen die Händler und Touristenführer mit ihren Angeboten. Von der im Weihnachtslied besungenen stillen, schlafenden Stadt war hier nicht viel zu sehen.

Auch unsere Gruppe versuchte sich mit einer kurzen Andacht in jener Kirche, von der aus am Morgen die Weihnachtsmesse in alle Welt übertragen wird. Danach löste sich die Gruppe auf. Die einen blieben, um sich die eigentliche Geburtsgrotte anzusehen (mindestens zwei Stunden Schlange-Stehen) oder morgens in die Frühmesse zu gehen. Ich machte machte mich mit andern auf den Weg zurück nach Jerusalem. Im Taxi erzählte der Fahrer, dass trotz all der Menschen in der Stadt das Geschäft in diesem Jahr nicht gut laufe – die Touristen kämen nicht wie sonst, wegen der Serie von Messerattacken, die Israel den Herbst über erschüttert habe. Mit dem Ruf des Muezzins zum Morgengebet erreichten wir wieder Jerusalem. Mein Heiliger Abend ging zu Ende, der so ganz anders war, als alle, die ich zuvor erlebt hatte.

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von

Anja Block

geboren und aufgewachsen in Wermelskirchen. Nach dem Abitur ging es für mich 2011 raus aus der Kleinstadt zum Theologiestudium nach Bonn mit dem Ziel „Kirchliches Examen“. Dort habe ich acht Semester studiert, bis für mich feststand, dass es mit dem Programm von Studium in Israel e.V. nach Jerusalem gehen soll. Von August 2015 bis Juli 2016 habe ich an der Hebräischen Universität studiert und setze nun mein Hauptstudium in Bonn fort.

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