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Karneval an Karfreitag

Foto: Nikola Herweg at the German language Wikipedia [GFDL or CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Der Tag schickte die ersten Lichtstrahlen durch die Gassen der Jerusalemer Altstadt, als ich auf dem Weg zu einer frühmorgendlichen Karfreitags-Prozession entlang des Kreuzweges war. Vor mir ging eine Gruppe Nonnen, leise miteinander flüsternd. Es war Karfreitag der westlichen Kirchen. Die orthodoxen Konfessionen berechnen ihren Ostertermin etwas anders und nicht jedes Jahr fallen beide Termine auf den gleichen Tag.

Diese Prozession hatten die protestantischen Kirchen in Jerusalem organisiert und es war nicht einmal die größte, die an diesem Tag stattfand. Doch auch zu der frühen Stunde kam eine beachtliche Menschenmenge zusammen. Manche trugen Kreuze in variierender Größe, manche klein und handlich, einige fast mannsgroß. Hier und da waren auch Rosenkränze zu sehen, die sich konzentriert durch die oder andere Hand bewegten.

Eifrige Helfer verteilten Handzettel mit der Passionsgeschichte in englischer Sprache, die an den Stationen in verschiedenen Sprachen gelesen werden sollte. Die Menge begann zu beten und mit dem Amen setzte sich der Tross in Bewegung. Stimmengewirr erfüllte die Luft: arabisch, englisch, dänisch, deutsch – alles durcheinander. So oder so ähnlich muss es nach dem gescheiterten Turmbau in Babel geklungen haben.

Langsam bewegte sich die Menschengruppe voran, vorbei an den israelischen Soldaten, die bereit standen, um notfalls für die Sicherheit der Gläubigen zu sorgen; vorbei an den muslimischen Händlern, die unbeeindruckt von dem Geschehen um sie herum ihre Läden öffneten. Immer wieder kam der Zug zum Stehen, wenn die vorangehenden Pfarrer und der evangelisch-lutherische Bischof von Jerusalem die nächste Station des Kreuzweges erreicht hatten. Hinter ihnen drängten sich die Menschen, manche, um etwas von den Gebeten und den Lesungen mitzubekommen und andere, damit die eigenen Augen einen Blick auf die Stellen erhaschen konnten, an denen der Tradition zufolge Jesus gestanden und gebetet haben könnte. Als sich schließlich ein Murmeln erhob und das Vater Unser in den unterschiedlichsten Sprachen gesprochen wurde, wurde mir klar, was über alle Unterschiede hinweg all diese Menschen auf dem Kreuzweg gemeinsam haben: Sie erinnern sich an das Leiden und Sterben Christi, dem sie nachfolgen und auf dessen Spuren sie sich bewegen.

Jenseits des christlichen Trubels herrscht herrschte in der morgendlichen Altstadt aber noch alltägliche Ruhe. Nur an der Klagemauer war etwas mehr los, als an einem gewöhnlichen Freitag. Denn in meinem Auslandsjahr fiel der christliche Karfreitag in zusammen mit einem jüdischen Feiertag, dessen Stimmung so gar nicht zu der Feierlichkeit und Ernsthaftigkeit des Karfreitags passen will: an Purim wird die Rettung des Volkes Israel vor den bösen Machenschaften des königlichen Beraters Haman durch die Königin Esther gefeiert. In den Straßen der neueren Stadtteile und auch in den jüdisch-orthodoxen Stadtteilen fühlte ich mich als Rheinländerin an diesem Tag fast ein bisschen wie zu Hause. Denn besonders die Kinder, aber auch Erwachsene, hatten sich verkleidet, sangen und tanzten auf der Straße und es floss viel Alkohol. Das Spektakel ließen wir uns natürlich nicht entgehen und so machte ich mich mit einigen Freunden nach dem Gottesdienst auf in die jüdischen Stadtteile. In Meah She’arim, einem der ultraorthodoxen Viertel waren ganze Familien unterwegs. Sie besuchten Freunde und Verwandte, beladen mit Tabletts voller Köstlichkeiten eilten Feuerwehrmann und Prinzessin genauso wie Hirten und Schafe, König David und sogar wandelnde Torahrollen durch die Straßen. Kleine Jungs hatten sich als ihre Väter verkleidet, mit angeklebten Bart, Schläfenlocken und dem typischen Mantel, der für Feiertage und den Shabbat reserviert ist. Von Ruhe und Feierlichkeit war hier nichts mehr zu spüren.

Es war ein Karfreitag der Gegensätze, den ich in Jerusalem erlebt habe. Schwer bewaffnete Soldaten neben friedlich betenden Gläubigen, Ernsthaftigkeit und Trauer neben freudiger Ausgelassenheit und überschwänglichem Feiern. An diesem Tag blieb es bei einem Nebeneinander der Religionen. Die Feiernden in der Neustadt bekamen kaum mit, dass in der Altstadt zeitgleich ein anderer Feiertag begangen wurde. Als ich Ostermontag wieder in der Uni war und erwähnte, dass ja eigentlich noch christlicher Feiertag sei, wurde ich überrascht angeguckt. Manche meiner jüdischen Freunde hatten gar nicht mitbekommen, dass am Wochenende etwas Anderes war als Purim. Entschuldigend erklärten sie, dass man das orthodoxe Ostern meist mehr wahrnehme als das der westlichen Konfessionen, da seien noch mehr Menschen in der Stadt.

Manche der Gegensätze und Differenzen, die ich an diesem Karfreitag und an dem Osterfest in Jerusalem wahrgenommen habe, werden angesichts des Ostergeschehens unwichtig. Menschen aus aller Welt kommen zusammen und finden im Gebet eine gemeinsame Sprache. Andere Unterschiede bleiben bestehen und laden weiterhin dazu ein, neugierig zu sein und zu versuchen, den Menschen mir gegenüber verstehen zu lernen.

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von

Anja Block

geboren und aufgewachsen in Wermelskirchen. Nach dem Abitur ging es für mich 2011 raus aus der Kleinstadt zum Theologiestudium nach Bonn mit dem Ziel „Kirchliches Examen“. Dort habe ich acht Semester studiert, bis für mich feststand, dass es mit dem Programm von Studium in Israel e.V. nach Jerusalem gehen soll. Von August 2015 bis Juli 2016 habe ich an der Hebräischen Universität studiert und setze nun mein Hauptstudium in Bonn fort.

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