Berufsalltag, Blog, Vikariat
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Von dicken Ordnern und vielen Schildern

Der Ordner ist voll. Hinten drauf steht „Gottesdienste“ und darin sind Predigten und Trauungen,  Kinder- und Krabbelgottesdiensten, Familien- und Schulgottesdienste, Beerdigungen und ein Konfirmationsgottesdienst, Altenheim- und Weihnachtsgottesdienste. Es sind viele Gedanken und Worte. Das meiste ist von mir, anderes war Teamarbeit.

In einem Jahr Vikariat passiert so viel, manchmal kommt man kaum hinterher alles in die Ordner zu sortieren, geschweige denn zu verarbeiten. An den Ordnern vorbei fällt mein Blick auf das Namensschild aus dem Krankenhaus:

Vikarin Marina Brilmayer
Ev. Krankenhausseelsorge

– so steht es darauf.

Seit Oktober bin ich dort Vorbotin des Wochenendes: „Ach, es ist schon wieder Freitag und Sie sind wieder da!“, begrüßen mich jede Woche die Mitarbeiter an der Zentrale des Klinkums. Jeden Freitag arbeite ich dort als Krankenhausseelsorgerin und besuche die evangelischen Patientinnen und Patienten. Auf meinen Stationen begegne ich traurigen und frohen Patienten, einigen, die redselig sind und anderen, denen es die Sprache verschlagen hat. Manchmal gibt es Tränen, manchmal lachen wir. Ab und zu bete ich mit Patienten.

Es ist das einzige Namenschild auf meinem Tisch. Aber eigentlich habe ich ganz viele, denke ich weiter. Marina Brilmayer, Religionslehrerin, z.B. Jeden Montag trage ich ein so ganz anderes Schild, eines, das nicht zu sehen ist. Denn dann unterrichte ich an der Berufsschule. Immer wieder stelle ich fest, wie unterschiedlich die Schüler und Schülerinnen der verschiedenen Ausbildungsgänge sind: Verkäufer mögen keine Arbeitsblätter. Rechtsanwaltsfachangestellte diskutieren nicht gerne. Zahnmedizinische Fachangestellte reden immer. Für Versicherungskaufleute muss es sehr anspruchsvoll sein. Diese Unterschiede machen die Gestaltung des Unterrichts so spannend und abwechslungsreich. Die Ordner von der Berufsschule liegen zur Neuordnung auch bereits auf dem Schreibtisch und es sind doppelt so viele Materialien – Unterrichtseinheiten zu Sterbehilfe, zu Sekten, zum Gewissen. Da sind Entwürfe zu „frisch auf den Müll“, zu „wofür es sich eigentlich zu leben lohnt“, zu „let’s talk about Sex“, zu Satanismus, zu Weihnachten, zum Thema „Was ist eigentlich gerecht?“.

Marina Brilmayer, Pfarrerin in Ausbildung. Auch dieses Schild habe ich nicht. Und trotzdem erkennt man mich. Vor allem dann, wenn ich Gottesdienst feiere und meinen Talar trage.

Etwas über ein Jahr Vikariat liegt jetzt hinter mir, 14 Monate Berufsschule, 11 Monate Gemeinde, 8 Monate Krankenhaus und alle paar Wochen im Predigerseminar in Wuppertal. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich erst gestern angefangen, mit anderen Dingen bin ich hingegen schon ganz vertraut.

Ein schönes und spannendes, ein aufregendes und auch ein anstrengendes Jahr liegt hinter mir. Berufseinstieg ist schon etwas ganz Anderes als zu studieren! Ich blicke zurück und entdecke sofort mein persönliches Highlight: mein erster Heiligabendgottesdienst, die Christvesper. Einer der aufregendsten Ereignisse bislang! Auch viele anderen Erfahrungen liegen hinter mir, die ich zum ersten Mal gemacht habe: die erste Predigt im Vikariat, das erste Abendmahl, das erste Mal taufen und beerdigen, trauen und konfirmieren und vieles mehr. Besonders lustige Erlebnisse werde ich wohl nie vergessen: Ich habe mein Wasserglas im Gottesdienst umgekippt und das Wasser breitete sich fröhlich durch die Fugen im Gottesdienstraum aus, ich habe mein Beffchen vergessen und das Orgelnachspiel nicht abgewartet. Ich habe mich versungen, versprochen und verfahren. Einige Erwartungen von eigenen Stärken und Schwächen, von Vorlieben und Dingen, die mir nicht so viel Spaß machen, haben sich bestätigt, andere hingegen nicht. Da wurde ich von mir selbst überrascht und habe mich neu kennengelernt. Besonders wichtig ist für mich geworden, dass man gut auf sich selbst achtet, dass man wohlüberlegt rechtzeitig nein sagt und gut beobachtet, wann man sich wohl fühlt und wann nicht und woran das liegt.

Marina Brilmayer, Vikarin. Ob im Krankenhaus, in der Schule oder in der Gemeinde, jeder Tag ist ein bisschen anders und auf meinem Namensschild steht immer wieder etwas Anderes. Aber eigentlich ist es gar nicht so unterschiedlich, sondern einfach unheimlich vielseitig: Das Pfarramt umfasst so viel und das erfahre ich jeden Tag aufs Neue.

Marina Brilmayer, Pfarrerin. Darauf freue ich mich schon – und ich beschließe, mehr Aktenordner kaufen zu gehen.

Kategorie: Berufsalltag, Blog, Vikariat

von

Marina Brilmayer

Jahrgang 1988, geboren und aufgewachsen in Bonn, nach dem Abitur Freiwilliges Soziales Jahr u.a. in einer Kinderkurklinik, Studium der Evangelischen Theologie in Leipzig, Wuppertal, Göttingen und Mainz. Fan von Kirchentag, Transparenz, Struktur und Nachdenken. Seit April 2016 Vikarin in Koblenz-Pfaffendorf, d.h. interkonfessioneller Religionsunterricht an einer Berufsschule, Krankenhausseelsorge und taufen, beerdigen, trauen - halt der ganz normale Alltag einer Vikarin.

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