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Ein wunderbarer Tausch

Examen-Theologiestudium-Vikariat-Grundschule-Luca Bergfelder

Geschafft! War es tatsächlich Erleichterung oder eher Müdigkeit, die auf den Gesichtern der Examenskandidaten abzulesen war, als es endlich hieß: Die mündlichen Prüfungen sind zu Ende. Und viel wichtiger: Es haben alle bestanden. Ich jedenfalls hatte den Eindruck, dass die Worte zwar in unsere Ohren gelangten, aber bis in unser Bewusstsein drangen sie nicht sofort durch. Erst jetzt, nach drei Wochen hochverdientem Urlaub mit anschließender Wohnungssuche, Autokauf und meinem Arbeitsbeginn als Vikar, setzt sich bei mir die Erkenntnis so langsam durch. Völlig angekommen im Neocortex wird sie wohl erst sein, wenn ich bald tatsächlich vor den Schülern und -schülerinnen an der Grundschule stehe, an der ich mein Schulviakriat verbringen werde, und dort mit den Konditorfähigkeiten, die ich mir fürs Examen aneignen musste, erstmal ganz kleine Brötchen backe.

Aber noch geht mein Kopf immer wieder die zurück liegende Zeit durch: Ich denke an die drei Klausuren im Januar und dass damit das Schlimmste schon überstanden war. Die acht Wochen zwischen den Klausuren und den fünf mündlichen Prüfungen war jedenfalls deutlich entspannter und schlafreicher als die Wochen davor. „Wat fott es, es fott“, sagt der Rheinländer. Lernpsychologisch analogisiert: Prüfungen, die hinter einem liegen, drücken weniger, als solche, die man noch vor sich hat.

Wer wollte, bekam kurz vor der letzten Szene des letzten Akts in unserem kleinen Drama „Theologiestudium“ seine Noten für die zwei Hausarbeiten und die Klausuren mitgeteilt. Das führte zu zahlreichen offenklaffenden Mündern, denn angesichts der sehr machbar scheinenden Klausurthemen hatten sich die Korrektoren bei der Notengebung offensichtlich mehr an der Gerechtigkeit als an der Gnade orientiert. Sei´s drum, dachten wir uns, denn wir wussten die Statistik auf unserer Seite: Erstens zählen die Klausuren ja doch nur halb so viel wie beispielweise die Noten in den Fächern, in denen man keine Klausur geschrieben hatte. Zweites sind selbst Defizite in den Klausuren meisten gut ausgleichbar. Und drittens ist schon mehrere Examensdurchgänge in Folge niemand mehr durch die Prüfung gerasselt. Und warum sollte unser Durchgang da eine Ausnahme bilden?

Mit viel gegenseitigem Mut-Machen zitterten wir uns daher auch am Showdown von Prüfung zu Prüfung. Innerhalb von 27 Stunden sind das fünf Stück à 20-25 min. Ein solcher Rundumschlag durch das wissenschaftliche Curriculum in so kurzer Zeit ist in der theologischen Karriere eines jeden Menschen wohl einzigartig. Einzigartig…Hmm. Mit diesem Wort ist die Examens-Experience wohl treffend zusammengefasst.

Während ich mich so in diese jüngere Vergangenheit zurückreflektiere, erscheint mir die Gegenwart leicht grotesk: Keine meterhohen Bücherstapel mehr auf meinem Schreibtisch. Das eine Buch, das ich nun auf Zugfahrten dabeihabe, ist vor allem unterhaltsam, hat mal keinen theologischen Mehrwert, und niemand wird mich über seinen Inhalt prüfen. Da ist auch kein Damoklesschwert mehr über mir, das jeder Pause, jedem freien Tag eine leicht bittere Note verleiht. Und meinem liebgewonnen Platz in der Wuppertaler Bibliothek habe ich mittlerweile ebenfalls Adieu gesagt und werde ihn in den nächsten Tagen durch das Lehrerpult in der Grundschule ersetzen dürfen. Ein wahrhaft admirabilis commercium.

Kategorie: Blog, Examen, Studium

von

Luca Bergfelder

Jahrgang 1992, Kindheit und Jugend im Kirchenkreis An Sieg und Rhein, Abitur 2011 an der CJD Christophorusschule Königswinter, danach einjähriger Freiwilligendienst in Jerusalem, 2012 bis 2014 Theologiestudium an der Uni Bonn, seit 2014 in Heidelberg, Zuständig für http://rheinland.interseth.de/, September 2015 bis März 2016 Interreligiöses Studienprogramm in Japan/Kyoto über die Evangelische Mission in Solidarität

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